Krebs bei Kindern

Therapien

Behandlungsdauer und Therapie von Leukämie
Bei der Therapie der ALL rechnen wir in der Regel mit 24 Monaten, bei der AML mit 18 Monaten. Beide Therapien bestehen aus zwei Abschnitten: einer intensiven Chemotherapiephase und einer Erhaltungs- Chemotherapiephase. Die intensive erste Phase dauert bei der ALL ca. 8 Monate, bei der AML ca. 6 Monate. Die zweite Phase erstreckt sich bei der ALL über rund 16 Monate, bei der AML über etwa 12 Monate. Rund 5 Prozent der Kinder, die an einer ALL neu erkranken, benötigen eine Stammzelltransplantation, bei der AML sind es mit 35 Prozent deutlich mehr. Bei der Suche nach einem geeigneten Spender können wir allein in Deutschland auf über 20 Spenderdateien zugreifen. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ist mit aktuell 5.260.715 (Stand September 2017) potentiellen Spendern die größte unter ihnen. Die Spendersuche kann auch weltweit erfolgen, also in international verfügbaren Spenderdateien, in denen insgesamt mehrere Millionen Spender registriert sind.

Transplantation in Tübingen
In der Kinderklinik Tübingen erhalten pro Jahr etwa 40 bis 50 Kinder und Jugendliche eine Knochenmark- oder Stammzelltransplantation. Damit ist Tübingen eines der größten Transplantationszentren Deutschlands. Bei knapp zwei Drittel der Kinder erfolgt eine allogene Knochenmark- oder Stammzelltransplantation. „Allogen“ bedeutet in diesem Fall: Knochenmark oder Stammzellen stammen von einem unverwandten Fremdspender. Auch Geschwister können spenden: Das ist bei rund 10 Prozent unserer jungen Patienten möglich. Für die verbleibenden knapp 25 Prozent, für die kein passender Fremd- oder Geschwisterspender zur Verfügung steht, wurde in Tübingen im Team um Prof. Handgretinger die haploidente Transplantation entwickelt. Bei dieser Methode spenden die Eltern, also Mutter oder Vater, die Stammzellen. Während bei der allogenen Knochenmark- oder Stammzelltransplantation die Oberflächenmerkmale auf den weißen Blutkörperchen (Leukozyten) zwischen Spender und Empfänger identisch sein müssen, genügt bei der haploidenten Stammzelltransplantation eine Übereinstimmung von 50 Prozent. Die Methode hat sich inzwischen weltweit an den größten hämatoonkologischen Zentren etabliert und ermöglicht eine zweite oder sogar dritte Transplantation.

Targeted Therapies
Neben der klassischen Chemotherapie spielen seit einigen Jahren die zielgerichteten Krebstherapien, so genannte targeted therapies, bei der Behandlung von Leukämien und Tumoren eine wichtige Rolle. Zielgerichtete Therapien werden allein oder in Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie eingesetzt und sollen möglichst nur die Krebszelle angreifen. Die Wirkstoffe beeinflussen das Zellwachstum und können so den Tumor zerstören. Allerdings muss vor Einsatz dieser Therapie genau geprüft werden, ob die Behandlung auch für den Patienten geeignet ist. Zu den wichtigsten gezielten Therapieformen, die bei Kindern und Jugendlichen angewendet werden, gehört die CAR-T-Zell-Therapie, die Therapie mit Small molecules, sowie die Antikörpertherapie.

CAR-T-Zell-Therapie
Bei der CAR-T-Zell-Therapie, die derzeit noch im Forschungsstadium ist, werden dem Patienten bestimmte Abwehrzellen (T-Zellen) entnommen und mit einem zielgerichteten chimären Antigenrezeptor (CAR) versehen. Dieser bindet sich an bestimmte Oberflächenstrukturen auf Krebszellen. Durch diese Bindung kann die Krebszelle zerstört werden (Abb. 1). Ein Vorteil dieser Therapieform könnte darüberhinaus sein, dass das Abwehrsystem des Patienten ein sogenanntes „Immungedächtnis" ausbildet, so dass nach der ersten Gabe der CAR-T-Zellen eine Abwehr gegen Krebszellen bestehen bleibt. Dadurch würde das Risiko eines Rückfalls der Krebserkrankung (Rezidiv) deutlich gesenkt.

Small molecules
Small molecules (kleine Moleküle) sind kleine Bausteine, die aufgrund ihrer geringen Größe in Krebszellen eindringen können. Dort greifen sie gezielt in den Stoffwechsel des Tumors ein und können – je nach Art des Bausteins – die Vermehrung oder das Wachstum des Tumors hemmen oder das Absterben der Krebszellen bewirken (Abb. 2). Der Thyrosinkinaseinhibitor (TKI) Imatinib (Glivec®) wird schon seit vielen Jahren bei der Therapie der BCR-ABL-positiven Leukämie eingesetzt. Jüngere Therapien mit gezielten TKIs finden bei Kindern mit einer aggressiven Form des Neuroblastoms Anwendung.

Tumor-spezifische Antikörper
Tumor-spezifische Antikörper erkennen die Oberflächenstrukturen von Krebszellen und binden sich an sie. Durch diese Bindung werden unterschiedliche Effekte verursacht. Zum einen können bestimmte Stoffwechselwege der Tumorzelle gestört und dadurch die Zelle zum Absterben gebracht werden. Zum anderen können die Antikörper Krebszellen „markieren‟ und die körpereigenen Abwehrzellen dabei unterstützen, die Krebszellen zu erkennen und zu zerstören (Abb. 3). Kinder und Jugendliche mit einem ALL-Rezidiv werden auch mit dem tumor-spezifischen Antikörper Blinatumomab (Blincyto®) behandelt. Bei Patienten mit einem Neuroblastom wird begleitend der Antikörper Dinutuximab beta eingesetzt.

Alles das zeigt: Es gibt eine ganze Menge Möglichkeiten, um sich gegen Leukämien und Tumoren zur Wehr zu setzen. Wenn die erste Therapie nicht anschlägt, kann man fast immer auf eine Alternative ausweichen. Leider genügt das nicht immer. Noch sind die neuen Methoden nur in einzelnen Fällen einsetzbar. Aber die Forschung ist auf einer guten Spur – und die Forscher geben nicht auf. Ihr Ziel ist es, eines Tages kein Kind mehr durch eine Leukämie oder einen Tumor zu verlieren. Die Chancen dafür steigen mit jedem Tag.

 

Stand Juli 2019

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