Schreibtherapie für Angehörige

Wenn ein Kind schwer erkrankt oder gar stirbt, funktionieren Eltern, Geschwister, Großeltern, solange sie in die von der Krankheit bestimmten Abläufe gezwungen sind. Viele aber verstummen innerlich, erstarren, schweigen sich wund. Damit sie wieder ins (Er-)Leben und zu ihrer Sprache kommen können, unterstützt der Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen verschiedene schreibtherapeutische Angebote für Angehörige kranker Kinder und für Trauernde.

Zeichnung von Indra Kaas

Originaltext von Hr. Giese

Originaltext von Hr. Giese

Sabine Stahl

Die Gruppen treffen sich alle 4 - 8 Wochen im Elternhaus des Fördervereins, wo sie schreiben, zuhören – und auch schweigen. Hier haben sie und ihre Kinder einen geschützten Raum. In einer meditativen Einstimmung konzentrieren wir uns auf den Atem, auf das Hier und Jetzt. Ein kurzes Gedicht oder Zitat leitet über zum Schreibimpuls: ein Bild, ein Gegenstand, eine Imagination, ausgewählte Verse – etwas, das in jedem einzelnen eigene Themen anklingen lässt. Gleich danach folgt, was die meisten sich vorher nicht vorstellen können: Unmittelbar und assoziativ fließen Geschichten, Gedichte und Träume aufs Papier. Geschriebene Geschenke, die uns lachen und weinen, staunen und verstehen lassen. Botschaften aus dem Inneren über die Schreibenden selbst, die Kinder, Beziehungen, Sehnsüchte und das, was Halt gibt oder geben könnte für die eigene Gesundheit, für die Familie, die Arbeit …

„Das geschriebene Wort empfinde ich intensiver als das gesprochene Wort, denn beim Schreiben fällt alles Unwesentliche weg und das Wesentliche bleibt. Das Schreiben kann Gefühle, Wünsche, Hoffnungen, Ängste besser zum Ausdruck bringen und konkretisiert diese“, so ein Teilnehmer aus der Gruppe trauernder Väter, der ungenannt bleiben will. „Man wird verstanden und man versteht. Das Schreiben kann anstrengend sein, aber danach fühlt man sich gut. Die Entstehung eines Textes, über den man vorher nicht nachdenkt, erweitert das eigene Blickfeld, verschiebt Grenzen, stärkt und bestätigt.“

Indra Kaas hat die Schreibgruppe für Angehörige schwerkranker Kinder besucht, nachdem ihr Sohn erfolgreich stammzellentransplantiert worden ist: „Es entstehen sehr persönliche, für mich ergreifend „Werke“, die mir Kraft geben. Durch diese „Werke“ gewinne ich neuen Antrieb für mein Leben und gewinne auch neue Kraft für meine Familie und den Alltag.“ 

Im vertraulichen (freiwilligen) Austausch, immer ohne Bewertung, wachsen aus den Texten nachhaltige Einsichten. Erstarrungen lösen sich, Solidarität und Ressourcen werden spürbar, Kraft und Zuversicht wieder erfahrbar. In einem solchen Prozess lässt sich das Unsägliche des erfahrenen Leids in die neue Lebenssituation integrieren, und, so ein anderer trauernder Vater: „eine Tür öffnen, die Zutritt zu Wunderkammern gewährt und diese zu erkunden einlädt“.

Indra Kaas sagt: „Ich kann dieses Angebot nur von ganzem Herzen für alle Betroffenen empfehlen. Es ist wichtig, seinen Tank wieder zu füllen, um wieder durchzuatmen und den besonderen Anforderungen begegnen zu können“.

Ausschnitt eines Berichts von Heiner Giese, Teilnehmer der Schreibgruppe trauernder Väter, der seine Tochter verloren hat: … so war es der größte Schritt in der Trauergruppenarbeit – langsam, behutsam, unter Tränen, mit anderen betroffenen Eltern, „Worte für das Unsagbare“, für das Unsägliche zu finden. Das Finden dieser Worte fühlte sich an wie die Arbeit in einem Steinbruch ... nicht weil wir nach Worten in einer fremden Sprache suchten, sondern nach Worten in einer vollständig umgestülpten Welt. Diese Arbeit, das Unsagbare auszusprechen, erschütterte uns jeweils aufs Neue und immer wieder. Und immer wieder brauchte es Mut und Ermutigung, weiterzugehen; weiterzugehen in der Suche nach den „richtigen Worten“, dem richtigen Schweigen – nach der geeigneten Sprache, die dieser umgestülpten Welt ohne bzw. mit unseren geliebten Kindern „gerecht“ werden kann ... Das Wort in uns ist auch ein Speicher von Bedeutungen, Inhalten, Emotionen und vor allem von Werten. So ist es nicht zufällig, dass ein Ereignis wie das Sterben eines eigenen Kindes, uns nicht nur die Sprache verschlägt, sondern wie ein Erdbeben den für unerschütterlich gehaltenenen inneren Zusammenhang von unseren Worten und Werten zerschlägt. Die Trauerarbeit ist eine Arbeit am Wort – und sie fühlt sich nicht nur an wie eine Arbeit im Steinbruch! Deshalb braucht diese schwere Arbeit Ermutigung und die „Steinbrecher“ Schutz vor herabstürzenden Steinen. Gruppen für Trauernde und Schreibende geben dies – und sogar immer wieder neues Werkzeug für die Arbeit am drückenden Stein – Wort, Wort – Stein.

Sabine Stahl, Autorin und Journalistin (SWR), ist zertifizierte Leiterin schreibtherapeutischer Gruppen, u. a. für Krebserkrankte und Angehörige. Für den Förderverein unterstützt sie seit 2016 die psychosoziale Begleitung. Der Schwerpunkt liegt momentan bei der Nachsorge von Angehörigen schwerkranker Kinder sowie in der Trauerbewältigung. Das Schreibangebot gilt aber genauso für interessierte Kinder in der Klinik und für Geschwister von kranken oder verstorbenen Kindern. Vorkenntnisse sind nicht nötig! 

Kontakt über: theresa.teufelneff@krebskranke-kinder-tuebingen.de 

Ich danke dem Förderverein für die Unterstützung des Angebots sowie den Schreibenden, die ich begleiten darf, hier vor allem denen, die von ihren Erfahrungen berichten! 

Sabine Stahl, Leiterin der Schreibtherapiegruppen des Fördervereins 

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