Musiktherapie in der Kinderklinik

Seit Oktober 2016 arbeite ich, Patrick Hok, als Musiktherapeut zweimal wöchentlich auf den hämato-onkologischen Stationen 14, 15 und 16 der Kinderklinik Tübingen. Ermöglicht wird dies durch den Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen. Gerne möchte ich Ihnen meine musiktherapeutische Arbeit an dieser Stelle vorstellen.

In der Therapie - Einzelsituation

Viele verschiedene Instrumente kommen zum Einsatz

Musiktherapie in der Gruppe

Was ist Musiktherapie?

Mit der Musiktherapie kann man, ganz allgemein gesprochen, den jeweiligen Stimmungen Ausdruck geben. Denn die Besonderheit der Musik ist die nonverbale Kommunikation, die Sprache der Gefühle, in der man sich unmittelbar kreativ ausdrücken kann und das Gegenüber einen hören, spüren und verstehen kann.  Durch die Musiktherapie können also auf der nicht sprachlichen Ebene unterschiedlichste Stimmungen wie Angst, Wut und Traurigkeit, aber auch Freude erlebt und zum Ausdruck gebracht werden.

Musiktherapie beschreibt also eine Form der Psychotherapie mit dem gezielten Einsatz des Mediums „Musik“ zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. 

Mit der Diagnose Krebs geraten junge Patienten und ihre Familien in eine schwere Lebenskrise, es reißt ihnen sozusagen den Boden unter den Füßen weg. In dieser schwierigen Situation ist es für die kranken Kinder oft eine willkommene und auch notwendige Ablenkung, wenn ich mit meinem Instrumentenwagen auf die Station komme. Sie sind neugierig, was ich wohl alles dabei habe. Meist findet die Musiktherapie im Zimmer der Kinder statt. Ob im Bett, an der Bettkante oder dem bequemen Sofa in der Tagesklinik sitzend, das Setting wird individuell an die Situation des Kindes angepasst. Teilweise bieten sich auch spontan Gruppentherapien an, bei denen gemeinsam gesungen und musiziert wird. Ob mit anderen Kindern oder gemeinsam mit den Eltern oder Geschwisterkindern, das gemeinsame Musizieren bietet einen Raum, bei dem jeder mal alles loswerden und vergessen darf.  

Einfach mal alles rauslassen

Es ist immer sehr befreiend für die Kinder, positive Erfahrungen mit sich und den eigenen Gefühlen zu machen: auf der Rahmentrommel mit einem großen Schlägel oder mit den Händen kräftig auf die Cajon (Holzkiste) zu schlagen - mal „alles raus lassen“, so richtig „drauf zu hauen“, ohne dass etwas kaputt geht, ohne Angst, es nicht zu dürfen, das befreit.  

Klang- und Traumreisen

Wir lachen viel miteinander, vor allem wenn wir gemeinsam auf Instrumenten improvisieren. Wenn wir gemeinsam mit weichen Schlägeln auf der Hank (metallischer Hohlkörper mit ausgeschnittenen Stahlzungen), der Rührtrommel und der Oceandrum spielen, stellen wir uns vor, wir wären am Meer. Solche und weitere Klangreisen bringen meist positive Gefühle und Bilder. Die Kinder können sich an schöne Erlebnisse - z.B. an einen Urlaub - erinnern oder sich während einer Traumreise in ihrer Phantasie Wünsche erfüllen. Mit der Sansula (mit einem Trommelfell bespannter Holzring mit metallischen Lamellen) können die Kinder zarte Töne ausprobieren und sich in ihrer „Verletzlichkeit“ wahrnehmen. Vor allem bei Kindern, die sich zu schwach fühlen, selbst zu spielen, kann ich mit diesem Klang die aktuelle Befindlichkeit wahrnehmen und durch die entspannende Wirkung der meditativen Töne ein Geborgenheitsgefühl schaffen.

Die Ressourcenstärkung der Kinder, die Erfahrung, dass sie trotz der Krankheit noch schöne Dinge tun können, dass sie sich klanglich ausdrücken und angenommen fühlen können, hilft den Kindern, aus der erlebten Isolation herauszukommen. Gerade bei ausländischen Kindern, bei Säuglingen und Kleinkindern, wo die sprachliche Auseinandersetzung nicht oder noch nicht möglich ist, kann das gemeinsame Musizieren die kommunikativen Prozesse fördern.  

Lieder sind für Kinder da

Vor allem, wenn wir gemeinsam singen oder neue „Quatschlieder“ erfinden, wird die Kreativität und das Miteinander der Kinder angeregt. So können die Kinder ihrer Phantasie und Kreativität freien Lauf lassen, sich von dem „Schweren“ ablenken und einfach Spaß und Freude haben. Ich bekomme oft die Rückmeldung von den Eltern, dass gerade diese Momente der Leichtigkeit als Glücks- oder Freiheitsmomente empfunden werden und dadurch das Schwere in den Hintergrund tritt. Manchmal schreiben wir auch Lieder um, schreiben neue Strophen mit eigenen Themen zur aktuellen Situation, wodurch die Kinder ihre jeweilige Befindlichkeit gut zum Ausdruck bringen können, was für die Therapie von eminenter Bedeutung ist. Beispielsweise habe ich gemeinsam mit einem Patienten das Lied „Keine Maschine“ von Tim Bendzko umgedichtet. Seither ist das ein wichtiger Baustein in unserer Therapiestunde. 

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Begeisterung der Kinder erlebe, wenn sie sich „einlassen“ und mir ihr Vertrauen schenken, auch oft mit ihren Eltern zusammen.  

Bedanken möchte ich mich auch für die Unterstützung aller Kollegen auf Station, beim Psychosozialen Team und ganz besonders beim Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen e.V., die meine musiktherapeutische Arbeit in der Kinderklinik erst möglich macht.

Patrick Hok

Diplom-Musiktherapeut


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