Mit jedem Tag wachsen die Chancen: Behandlungsmethoden und neue Forschungsansätze

Jedes Kind, das wir an einer Leukämie oder einer anderen Krebserkrankung verlieren, ist eines zu viel. Durch die sich stetig weiterentwickelnde Forschung haben wir heute die Chance, mehr Patienten zu heilen als jemals zuvor. Wenn das nicht möglich ist, können wir zumindest die Lebenszeit der Patienten verlängern und meist deutlich verbessern. Sicher, wir sind nicht dort, wo wir sein möchten. Aber mit jedem Jahr stehen uns neue Therapien und verbesserte Medikamente zur Verfügung. Viele der neuen Therapieformen sind derzeit noch sehr spezifisch und können nur in speziellen Fällen eingesetzt werden. Aber die Ansätze werden weiterentwickelt und die Chancen für Kinder und Jugendliche, Leukämie oder eine andere Krebserkrankung gut zu überstehen, steigen mit jedem Tag.

Dr. Michaela Döring, Oberärztin in der Tübinger Kinderklinik

Abb 1: Körpereigene T-Zellen des Patienten erhalten im Labor einen spezifischen „CAR“. Der „CAR“ ermöglicht die Erkennung und gezielte Zerstörung der Krebszellen

Abb 2: Small molecules dringen in die Krebszellen ein und zerstören sie.

Abb 3: Tumorspezifische Antikörper erkennen zielgerichtet bestimmte Oberflächenstrukturen

Neuerkrankungen und Heilungschancen

Pro Jahr werden deutschlandweit etwa 2100 Krebs-Neuerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gemeldet. Davon entfallen rund 30 Prozent auf Leukämien, rund 24 Prozent auf Tumoren des zentralen Nervensystems und etwa 14 Prozent auf Lymphome. In der Tübinger Hämato-Onkologie, einem der größten Spezialzentren in Deutschland, werden rund 100 Kinder und Jugendliche pro Jahr wegen einer Neuerkrankung, einer Leukämie oder einem Tumor, therapiert. Die häufigste Leukämieform ist die akute lymphatische Leukämie (ALL) mit ca. 500 Neuerkrankungen im Jahr bei Kindern und Jugendlichen. Die Heilungschancen sind heute gut. Sie liegen bei rund 90 Prozent. Die zweithäufigste Form der Leukämie ist die akute myeloische Leukämie (AML) mit rund 120 Neuerkrankungen pro Jahr deutschlandweit. Hier schwanken die Heilungschancen zwischen 40 und 70 Prozent. Im Vergleich zur ALL ist die AML aggressiver und muss mit einer intensiveren Chemotherapie behandelt werden. 

Behandlungsdauer und Therapie

Bei der Therapie der ALL rechnen wir in der Regel mit 24 Monaten, bei der AML mit 18 Monaten. Beide Therapien bestehen aus zwei Abschnitten: einer intensiven Chemotherapiephase und einer Erhaltungs-Chemotherapiephase. Die intensive erste Phase dauert bei der ALL ca. 8 Monate, bei der AML ca. 6 Monate. Die zweite Phase erstreckt sich bei der ALL über rund 16 Monate, bei der AML über etwa 12 Monate. Rund 5 Prozent der Kinder, die an einer ALL neu erkranken, benötigen eine Stammzelltransplantation, bei der AML sind es mit 35 Prozent deutlich mehr. Bei der Suche nach einem geeigneten Spender können wir allein in Deutschland auf über 20 Spenderdateien zugreifen. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ist mit aktuell 5.260.715 (Stand September 2017) potentiellen Spendern die größte unter ihnen. Die Spendersuche kann auch weltweit erfolgen, also in international verfügbaren Spenderdateien, in denen insgesamt mehrere Millionen Spender registriert sind.

Transplantation in Tübingen

In der Kinderklinik Tübingen erhalten pro Jahr etwa 40 bis 50 Kinder und Jugendliche eine Knochenmark- oder Stammzelltransplantation. Damit ist Tübingen eines der größten Transplantationszentren Deutschlands. Bei knapp zwei Drittel der Kinder erfolgt eine allogene Knochenmark- oder Stammzelltransplantation. „Allogen“ bedeutet in diesem Fall: Knochenmark oder Stammzellen stammen von einem unverwandten Fremdspender. Auch Geschwister können spenden: Das ist bei rund 10 Prozent unserer jungen Patienten möglich. Für die verbleibenden knapp 25 Prozent, für die kein passender Fremd- oder Geschwisterspender zur Verfügung steht, wurde in Tübingen im Team um Prof. Handgretinger die haploidente Transplantation entwickelt. Bei dieser Methode spenden die Eltern, also Mutter oder Vater, die Stammzellen. Während bei der allogenen Knochenmark- oder Stammzelltransplantation die Oberflächenmerkmale auf den weißen Blutkörperchen (Leukozyten) zwischen Spender und Empfänger identisch sein müssen, genügt bei der haploidenten Stammzelltransplantation eine Übereinstimmung von 50 Prozent. Die Methode hat sich inzwischen weltweit an den größten hämatoonkologischen Zentren etabliert und ermöglicht eine zweite oder sogar dritte Transplantation. 

Targeted Therapies

Neben der klassischen Chemotherapie spielen seit einigen Jahren die zielgerichteten Krebstherapien, so genannte targeted therapies, bei der Behandlung von Leukämien und Tumoren eine wichtige Rolle. Zielgerichtete Therapien werden allein oder in Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie eingesetzt und sollen möglichst nur die Krebszelle angreifen. Die Wirkstoffe beeinflussen das Zellwachstum und können so den Tumor zerstören. Allerdings muss vor Einsatz dieser Therapie genau geprüft werden, ob die Behandlung auch für den Patienten geeignet ist. Zu den wichtigsten gezielten Therapieformen, die bei Kindern und Jugendlichen angewendet werden, gehört die CAR-T-Zell-Therapie, die Therapie mit Small molecules, sowie die Antikörpertherapie.

CAR-T-Zell-Therapie

Bei der CAR-T-Zell-Therapie, die derzeit noch im Forschungsstadium ist, werden dem Patienten bestimmte Abwehrzellen (T-Zellen) entnommen und mit einem zielgerichteten chimären Antigenrezeptor (CAR) versehen. Dieser bindet sich an bestimmte Oberflächenstrukturen auf Krebszellen. Durch diese Bindung kann die Krebszelle zerstört werden (Abb. 1). Ein Vorteil dieser Therapieform könnte darüberhinaus sein, dass das Abwehrsystem des Patienten ein sogenanntes „Immungedächtnis“ ausbildet, sodass nach der ersten Gabe der CAR-T-Zellen eine Abwehr gegen Krebszellen bestehen bleibt. Dadurch würde das Risiko eines Rückfalls der Krebserkrankung (Rezidiv) deutlich gesenkt. 

Small molecules

Small molecules (kleine Moleküle) sind kleine Bausteine, die aufgrund ihrer geringen Größe in Krebszellen eindringen können. Dort greifen sie gezielt in den Stoffwechsel des Tumors ein und können – je nach Art des Bausteins – die Vermehrung oder das Wachstum des Tumors hemmen oder das Absterben der Krebszellen bewirken (Abb. 2). Der Thyrosinkinaseinhibitor (TKI) Imatinib (Glivec®) wird schon seit vielen Jahren bei der Therapie der BCR-ABL-positiven Leukämie eingesetzt. Jüngere Therapien mit gezielten TKIs finden bei Kindern mit einer aggressiven Form des Neuroblastoms Anwendung.

Tumor-spezifische Antikörper

Tumor-spezifische Antikörper erkennen die Oberflächenstrukturen von Krebszellen und binden sich an sie. Durch diese Bindung werden unterschiedliche Effekte verursacht. Zum einen können bestimmte Stoffwechselwege der Tumorzelle gestört und dadurch die Zelle zum Absterben gebracht werden. Zum anderen können die Antikörper Krebszellen „markieren“ und die körpereigenen Abwehrzellen dabei unterstützen, die Krebszellen zu erkennen und zu zerstören (Abb. 3). Kinder und Jugendliche mit einem ALL-Rezidiv werden auch mit dem tumorspezifischen Antikörper Blinatumomab (Blincyto®) behandelt. Bei Patienten mit einem Neuroblastom wird begleitend der Antikörper Dinutuximab beta eingesetzt.

Alles das zeigt: Wir haben eine ganze Menge Möglichkeiten in der Hand, um uns gegen Leukämien und Tumoren zur Wehr zu setzen. Wenn die erste Therapie nicht anschlägt, können wir fast immer auf eine Alternative ausweichen. Leider genügt das nicht immer. Noch sind die neuen Methoden nur in einzelnen Fällen einsetzbar. Aber wir sind in der Forschung auf einer guten Spur - und wir geben nicht auf. Unser Ziel ist es, eines Tages kein Kind mehr an Leukämie oder einem Tumor zu verlieren. Die Chancen dafür steigen mit jedem Tag.

Autorin: Dr. Michaela Döring (Oberärztin in der Tübinger Kinderklinik)


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