Ein Plädoyer für Bildung ohne Digitalisierung

Benefizvortrag. Psychologe Manfred Spitzer warnt vor Gefahren von Smartphone und Co. für das Gehirn – nicht nur von Kindern »Digitale Medien machen süchtig und dumm!« Okay, Bestseller-Autor, Psychiater, Arzt und Philosoph Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, weiß sein Nagolder Publikum zu polarisieren. Aber er hat wirklich gute Argumente. Spitzer spricht auf einer Benefizveranstaltung zugunsten des Fördervereins für krebskranke Kinder Tübingen in der Nagolder Stadthalle zu einer Rekordkulisse. Kurz vor Beginn seines Vortrags müssen noch reichlich Stühle aufgestellt werden, um alle Besucher zu fassen. Denn Spitzer ist ein echter Star als Redner, als Autor.

Manfred Spitzer polarisiert...

...und lockt viele Besucher an

Jörg Stahl begrüßt das Publikum

Jörg Stahl, Anton Hofmann (Vorsitzender Förderverein) und Reinhard Hamburger (v.l.n.r.)

Wer nachts nicht schlafen kann, kennt ihn aus der TV-Reihe »Geist & Gehirn« auf dem Bildungssender ARD-alpha. Ein brillanter Rhetoriker, der uns und der ganzen Gesellschaft die letzten zwei Jahrzehnte die Funktionsweise unseres Gehirns erklärt hat. Und so zu einem mittlerweile, wie er selbst sagt, »einsamen Rufer in der Wüste« wurde, der unablässig vor den Gefahren digitaler Medien gerade für die Gehirne von Kindern und Jugendlichen warnt. 

Aber Spitzer verteufelt Handy, Smartphone, Tablett und Laptop nicht nur – er nutzt sie ja selber: als Werkzeug seiner Arbeit, auch hier in der Nagolder Stadthalle. Aber er hat jede Menge aktueller Studien aus der ganzen Welt mitgebracht, die eindrucksvoll belegen, welche Schäden zu frühe, zu häufige und zu selbstverständliche Mediennutzung im menschlichen Gehirn anrichten. Zum Beispiel die Studie eines bekannten Ökonomen, der wissen wollte, wann sich im menschlichen Lernen Bildung am besten »rechnet«. Ergebnis: im Kleinkindalter; je älter wir werden, desto schlechter lernen wir. 

»Kleinkinder müssen keine Vokabeln pauken, die lernen alle 90 Minuten ein neues Wort.« Ganz von allein. Weil das Gehirn darauf programmiert ist. Und je mehr die Kinder von kleinauf lernen, desto mehr passt später an Bildung in dieses Gehirn – zeigt Spitzer anhand weiterer Studien auf. »Das Gehirn ist ein ganz eigenartiger Speicher« – denn tatsächlich beeinflusst die Menge dessen, was wir in den ersten 25 Lebensjahren lernen das, was wir im lebenslangen Lernen an »Stoff« in unserem Hirn an Wissen »obenauf « packen können. »Das ist ganz anders als beim Computer, dessen Festplatte irgendwann voll ist.« Das menschliche Gehirn ist niemals voll. Im Gegenteil. 

Spitzer hat eindrucksvolle Bilder menschlicher Gehirne mitgebracht – oder eben gerade von Menschen, die einen Großteil ihrer Gehirne (als Kinder) eingebüßt haben; durch Krankheit, durch Unfall. Riesige, leere Flächen, wo normalerweise »die kleinen grauen Zellen« sein sollten. »Jeder Arzt würde bei Ansicht dieser Bilder sagen: Der Patient ist tot.« Ist er aber nicht, im Gegenteil: »Der hat nichts.« Ein kleines Mädchen verliert als Dreijährige eine komplette Gehirnhälfte mit Sprach- und Koordinationszentrum. Die Ärzte erwarten, dass sie nun bewegungsunfähig und stumm, eben schwerstbehindert sein müsste. Nach ein paar Jahren: Das Mädchen hüpft munter plappernd in die Praxis zur Nachuntersuchung. »Die hatte nichts«, keine Ausfallerscheinung. Das menschliche Gehirn ist eben ein Wunder. »Wenn es jung ist.« 

Was es dafür aber braucht: Anregung, Bewegungsreize, lebendige Erfahrungen – »kein Wischen auf einem Display; dadurch lernt man nichts.« Spitzer zeigt, wie eine Synapse im Hirn wächst, wenn sie so immer wieder »gereizt« wird. Und verkümmert, wenn man sie nur bedudelt. Noch eine (sehr aktuelle) Studie: Wie entwickelt sich das Lernen von Schülern, wenn Handys und Smartphone aus dem Unterricht verbannt werden? Ihre Leistungen werden immer besser. Und die überraschenden Ergebnisse einer Meta-Studie zu den berühmten Pisa-Untersuchungen: Je mehr Länder und Schulen in die Digitalisierung des Unterrichts investieren, desto schlechter werden der Pisa-Ergebnisse. Deutschlands Schüler werden demnach im Augenblick gerade deshalb in den Pisa-Studien immer besser, weil wir hier mit den Investitionen ins digitale Klassenzimmer so hinterher hinken. »Das will aber keiner wirklich gerne hören.« Sagt Spitzer. Der mit solchen Aussagen wider dem Mainstream zum Beispiel bei der Kultusministerkonferenz regelmäßig aneckt. 

Hier in Nagold löst er aber mit seinen Thesen echte Begeisterungsstürme aus. Eineinhalb Stunden hat er bereits geredet – war einem gar nicht bewusst; auch Spitzer nicht, der sich selbst wundert, wie der Rausch des Erzählens alle die Zeit hier wieder vergessen lässt. Aber er mag und will noch nicht aufhören. »Sie merken – ich kann Ihnen das alles nicht ganz emotionsfrei erzählen.« Oh, ja. Und schnell noch ’ne Studie: Liegt das Smartphone neben einem Probanden, reduziert sich sein IQ bereits erheblich. Der IQ steigt, je weiter entfernt das Handy liegt – beim geistig Arbeiten am besten im Nebenraum. Weil es uns sonst permanent ablenkt. Und damit unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Aufmerksamkeit einschränkt. Denn 215- mal am Tag schauen wir auf dieses so magische und verführerische Display – sagt noch so eine Studie. Erschreckend. Aber auch bestechend logisch. Eben: »Digitale Medien machen süchtig und dumm!« 

Womit man an Manfred Spitzers »Prolog« seines Vortrags denken muss: Da hatte er von den Amazons, den Googles und Apples dieser Welt gesprochen, die aus den Erkenntnissen der Gehirnforschung digitale Geschäftsmodelle der reichsten Unternehmen dieser Welt gebaut hätten. Weil sie nachahmen, wie unser Hirn funktioniert, um uns als User mit lernenden Algorithmen auszuforschen. Und auch zu radikalisieren, weil das unsere Aufmerksamkeit an diesen Displays fesselt. Spitzer formuliert dazu ein politisches Statement: »Die einzige Institution, die diese Unternehmen noch aufhalten kann, ist die Europäische Union.« Die Wettbewerbsstrafen für Google, die Steuernachzahlung für Apple seien Beispiele dafür. »Sonst macht das keiner.«

 Autor: Axel Kunert, Schwarzwälder Bote

Organisiert wurde das Event vom Business-Coach und Beiratsmitglied des Fördervereins für krebskranke Kinder Tübingen e. V. Reinhard Hamburger und dem Vorstandssprecher der Volksbank Herrenberg-Nagold-Rottenburg Jörg Stahl. Sie treffen sich in den nächsten Tagen mit Anton Hofmann (Vorsitzender des Fördervereins) zur offiziellen Spendenübergabe, über die wir hier natürlich wieder berichten werden.

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