Das Mentorenprogramm: Mut und Kraft geben

Das Mentorenprogramm der Deutschen Kinderkrebsstiftung wird vom Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen seit Mitte 2017 in der Kinderklinik Tübingen umgesetzt und finanziert. Ausgebildete Mentoren, die selbst schon an Krebs erkrankt waren, fungieren als „erfahrene Ratgeber“ oder „Berater“, die den Betroffenen in der jetzigen schweren Erkrankungssituation unterstützten und helfend zur Seite stehen. In einem Erfahrungsbericht beschreiben die Mentoren hier Ihre Arbeit.

Kinderklinik Tübingen, Station 14, 15-jährige Patientin: 

Und wieder reiht sich ein ereignisloser Tag an den vorangegangenen, denke ich und scrolle gelangweilt durch meine Facebook-Startseite. Ich blase die Backen auf, klicke auf das neue Profilfoto von meiner ehemaligen besten Schulfreundin. Sie steht im Vordergrund mit einem Grinsen, das bis zu beiden Ohren reicht, links und rechts flankiert von zwei anderen aus meiner Klasse. Im Hintergrund ist deutlich das Brandenburger Tor erkennbar. Ich schaue auf das Datum, und mir wird klar, dass das jetzt die Woche sein muss, in der die Klassenfahrt nach Berlin stattfindet. Obwohl ich weiß, dass es keine gute Idee ist, gehe ich auf ihr Profil, ob sie noch mehr Bilder von Berlin hochgeladen hat? Natürlich werde ich fündig… Mit immer düster werdender Laune klicke ich mich durch die Bilder von meinen „Freunden“, die unbeschwert vor der Berliner Mauer posen.

Irgendwann habe ich genug von glücklichen Menschen und klappe meinen Laptop mit einem gebrummten „So ein Mist“ schwungvoll zu. Mir schießen gefühlte 100 Ereignisse in den Kopf, die ich die letzten Monate verpasst habe. Schlimm genug, dass meine Ach-so-gute-Freundin die Fotos auf Facebook hochlädt, sie hat sich aber seit Wochen nicht mehr bei mir gemeldet. Und jetzt steht sie da umringt von Freunden, breit grinsend und scheint nicht mal ansatzweise den Eindruck zu machen, als wäre es schade, dass ich nicht dabei bin. Wütend schreibe ich meinen Eltern über Whatsapp, wo sie die ganze Zeit bleiben. Es ist schon fast Mittag und ich bin immer noch alleine und langweile mich zu Tode. Gerade als die Nachricht mit einem Zischen raus ist, klopft es an der Tür. Einen kurzen irritierten Moment lang reagiere ich nicht, weil normalerweise im Klinikalltag nie jemand anklopft; dann bitte ich mit einem genervten „Herein“ ins Zimmer. 

Kinderklinik Tübingen, Station 14, Mentoren:

Wir klopfen an die Tür. Noch eine Minute zuvor haben wir vor der Zimmertüre einen letzten abcheckenden Blick auf die Belegungsliste geworfen und uns den Namen unseres nächsten „Schützlings“ eingeprägt. „Geh du ruhig zuerst rein“, habe ich noch gönnerhaft gesagt und mir noch einmal die Hände desinfiziert, um Zeit zu schinden und meinem Mentorenkollegen die Gelegenheit zu geben, schon einmal an die Tür zu klopfen. „Du darfst ruhig vor“, hat mein Kollege wie immer erwidert und sich auch noch einmal die Hände desinfiziert. In einem Einweisungswochenende im Waldpiratencamp der Deutschen Kinderkrebsstiftung wurden wir auf unseren Einsatz auf Station vorbereitet. Obwohl wir nach vier Monaten, die das Programm nun schon läuft, immer mit einem guten Gefühl in die Zimmer der Kinder gehen und uns auf die vor uns liegenden Gespräche oder Spiele freuen, sind wir unser Hände-Desinfizier-Ritual immer noch nicht ganz losgeworden. 

Im Krankenhausbett liegt ein 15jähriges Mädchen mit zugeklapptem Laptop auf dem Schoß und schaut uns mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier an. Weil wir noch als völlig Fremde vor ihr stehen, stellen wir uns als erstes vor: „Wir kommen vom Mentorenprojekt. Das ist eine Initiative von der Deutschen Kinderkrebsstiftung und dem Förderverein für krebskranke Kinder in Tübingen. Wir sind eine Gruppe von sechs jungen Erwachsenen, die alle auch einmal krank waren. Die meisten von uns waren sogar auch in der Kinderklinik in Tübingen in Behandlung“, leite ich unsere Vorstellung ein. „Ja genau“, übernimmt mein Kollege. „Und wir kommen jetzt regelmäßig auf Station, immer zu zweit und sind da, falls es Sachen gibt, die ihr gerne mal mit jemandem besprechen wollt, der in der gleichen Situation war und das jetzt schon alles hinter sich hat. Oder einfach mal ein bisschen Ablenkung vom langweiligen Alltag braucht.“

Nach unserer üblichen Vorstellungsphase kommt es mit der 15jährigen zu einem lockeren, angenehmen Gespräch. Über die Krankheit selber sprechen wir mit den Kindern eigentlich kaum - ganz andere Themen, wie zum Beispiel eine verpasste Berlinreise, haben oft viel mehr Diskussionsbedarf. Darin liegt auch der größte Unterschied, ob wir mit Kindern oder mit Eltern sprechen. Ein Kind alleine im Zimmer anzutreffen, kommt eher selten vor. Meistens sind Eltern oder andere Angehörige dabei, die auf unsere Vorstellung ziemlich schnell mit einem „Ach, das ist ja toll“, reagieren. Es folgen weitere Fragen, die mehr oder weniger dem Schema „Und was hattet ihr? Was macht ihr heute? Wie lange wart ihr krank? Wie lange ist das bei euch her?“ folgen. 

Wir versuchen immer, die Kinder in ein Spiel oder Gespräch zu verwickeln. Mit jedem Mal, dass wir auf Station sind, haben wir uns einen neuen kleinen Trick überlegt, um das Eis zu brechen. Je besser wir die Kinder kennen, umso einfacher ist es, die Eltern auch mal für eine kleine Auszeit aus dem Zimmer zu schicken.

Nicht immer ist unser Kontakt mit den Kindern und Eltern locker und unverfänglich. Immer mal wieder haben wir auch Gespräche, die intensiv sind und uns unter die Haut gehen. Solche Gespräche sind auch für uns nicht immer einfach, vor allem, wenn wir uns in dem wiederfinden, was das Kind uns erzählt. Aber genau diese Tage sind es, an denen wir das Gefühl haben, den Kindern wirklich Zuversicht und Kraft schenken zu können. Obwohl unsere Erkrankung bei uns schon eine Weile zurückliegt, fühlen wir uns oft in die Situation zurückversetzt und können mit den Kindern aus einer anderen Perspektive als Ärzte und Psychologen über ein Thema reden. Falls uns aber einer unserer Einsätze bis nach Hause verfolgen sollte, können wir uns immer an die Mentorenkoordinatoren Johanna Ringwald (Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen) und Manuel Schlösser (Psychosozialer Dienst in der Kinderklinik) wenden. Die beiden sind nicht nur zur Stelle, wenn uns etwas auf der Seele lastet, sondern managen auch die Organisation des Programms im Hintergrund.

Wir freuen uns, dass wir schon oft positives Feedback auch vom Stationspersonal bekommen haben und gehen immer mit einem durch und durch guten Gefühl nach Hause. In dem Programm stecken schon jetzt viele Ideen und Motivation. Für die Zukunft stehen auf unse-rer To-Do-Liste schon einige Events außerhalb von unseren „regulären“ Besuchen - wie zum Beispiel ein  gemeinsamer Spieleabend auf Station.

Das Programm ist für uns in der kurzen Zeit schon zu einer Herzensangelegenheit geworden. Wir freuen uns auf weitere zahlreiche Kontakte mit Kindern und ihren Familien und hoffen, dass wir noch ganz viel Kraft und Mut in der schweren Zeit schenken können. 

Felicitas, Leyla, Annette, Iwan, Kathrin, Franziska


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