Anton Hofmann auf SWR1

Der Vorsitzende des Fördervereins Anton Hofmann war am Pfingstsonntag auf SWR1 im Radio zu hören. In einem sehr persönlichen und authentischen Interview erzählt er über sich und seine Arbeit als Vorsitzender des Fördervereins für krebskranke Kinder Tübingen e. V.

Man sieht ihm an, dass er gerne Lehrer gewesen ist. Warm und vertrauensvoll ist seine Ausstrahlung, als wir uns in seinem Büro treffen. Das Büro des Schulleiters hat er nach seiner Pensionierung gegen den Vorsitz des Fördervereins für krebskranke Kinder in Tübingen getauscht und organisiert mit dem Förderverein Direkthilfe für betroffene Familien, die Kinderklinik und die Kinderkrebsforschung:

„Wir bezahlen z.B. in der Kinderonkologie 14 Leute, haben in unseren Häusern 8 oder 9 Leute, dann kann man sich ja vorstellen, was das für ein finanzieller Bedarf ist und alles, was wir machen, ist spendenfinanziert. Wir bekommen von keiner Krankenkasse, vom Land nichts, vom Bund nichts, also alles ist spendenfinanziert.“

Natürlich ist es Aufgabe des Vorstands, die nötigen Gelder zu organisieren, aber schnell wird klar, dass es nicht das Händchen für Zahlen ist, das man für die Arbeit im Förderverein am meisten braucht:

„Da kommt eine Familie aus der Klinik, das Kind ist gestorben. Es macht absolut keinen Sinn, wenn man zu den Leuten hingeht und sagt: ‚Mein herzliches Beileid! Der Herrgott wird schon gewusst haben, was er gemacht hat; es wird schon alles einen Sinn haben.‘ Da gibt es kein Rezept, aber da braucht man Leute, die einfach diese innere Gabe haben, beim jeweiligen Menschen in der jeweiligen Situation richtig zu reagieren: Entweder den Menschen in den Arm nehmen oder schweigen, aushalten können, zusammen zu schweigen, auch zusammen zu weinen – da gibt es kein Rezept.“

Woher kommt bei ihm diese innere Gabe, von der er spricht?

„Also meine Familie hat mich stark geprägt. Ich komme aus einem sehr christlichen Elternhaus; also christliche Werte haben eine ganz, ganz große Rolle gespielt. Ich komme aus einem Bauerndorf mit 300 Einwohnern. Und da gab’s in den 50er Jahren wirklich noch Familien, Kleinbauern, denen es wirklich schlecht ging. Meine Mutter ist immer in diese Häuser gegangen und hat den Leuten zum Essen gebracht und, was sie noch getan hat – das haben wir als Kinder gar nicht so gut gefunden – wenn wir größer geworden sind, hat die unser Spielzeug verschenkt. Einfach weil die kein Spielzeug hatten. Als wir dann älter waren, haben wir dann wirklich auch gedacht: Das ist toll, was die gemacht hat!“

Gerade das Spielzeug, das früher die Mutter verschenkt hat, spielt heute wieder eine Rolle. Und zwar bei den Kindern, die auf den Tod zugehen:

„…in der Klinik hat mal ein Arzt zu mir gesagt, der Chefarzt: ‚Wenn Kinder wissen, dass sie sterben müssen, dann verschenken sie ihr Spielzeug. Und wenn sie ihr Spielzeug verschenken, dann wissen wir, dass es zu Ende geht.‘“

Diese Worte treffen mich in der Seele. Ich bekomme eine Ahnung von dem, was Anton Hofmann auf seine ganz eigene Art und Weise begeistert, wenn er davon erzählt,

„… mit welcher Kraft, mit welchem Optimismus die kranken Kinder ihre Krankheit ertragen. Ich hab mal ne ehemalige Patientin hier im Gespräch gehabt, und die hat zu mir gesagt, sie hatte auch Krebs und sie hat einen Jungen, der mit ihr auch Krebs hatte und der ist gestorben und der hat zu ihr irgendwann mal gesagt: ‚Du, ich weiß, dass ich sterben muss, aber das kann ich meinen Eltern nicht sagen; die würden das nicht verkraften.‘“

All diese Erlebnisse und Begegnungen rütteln gehörig an Anton Hofmanns Grundfesten und ich frage mich und ihn, wie da ein Glaube an Gott noch möglich ist:

„Ich kann ihnen keine Antwort darauf geben. Also, wenn ich vor so ner Situation stehe, da frag ich nach wie vor: Kann das Gott zulassen? Wo ist da Gott? Ich weiß nicht, wo er da ist.“

Nach über 30 Jahren im Schuldienst, findet sich Anton Hofmann nicht in der Hängematte des wohlverdienten Ruhestandes wieder, sondern mitten im Förderverein für krebskranke Kinder in Tübingen, den er als Vorstand leitet. Die Not, mit der er sich in seiner aktuellen Aufgabe konfrontiert sieht, will er gar nicht erst in sich hineinfressen; darüber reden ist ihm wichtig. Im Alten Testament sind es die Klagepsalmen, in denen der betende Mensch zu Gott schreit und als ich Anton Hofmann nach seiner Art des Betens frage, ist seine Antwort wieder erfrischend klar und schnörkellos:

„Ja, also ich bin jetzt nicht der große Beter. Wenn ich dann mal bete, dann sag ich dann schon mal: ‚Herrgott, also bitte schau mal auf diese Familie. Die brauchen Hilfe.“

Die Jahre, die Anton Hofmann im Förderverein erlebt hat, prägen ihn – das spürt man in jeder Faser seiner Präsenz. Vor allem der Blick, das eigene Leben und die eigene Familie bekommt durch das, was er erlebt hat, eine andere Tiefe:

„Also ich hab schon immer gewusst, dass es ein besonderes Geschenk ist, gesunde Kinder zu haben. Und auch gesunde Enkelkinder zu haben. Aber irgendwie hat man das immer so trotzdem als relativ selbstverständlich – also wenn man Kinder kriegt, im Normalfall sind sie gesund, aber in der Zwischenzeit weiß ich, dass das überhaupt nicht so ist; dass es so, so viele Familien gibt, die wirklich schwerstkranke Kinder haben und dass es ein riesen Geschenk ist, wenn die eigenen Kinder gesund sind. Und das ist wirklich – also ich bin jetzt kein Lehrer mehr, aber damals hätt man sicherlich machen Eltern sagen können: Also diese 4 in Mathematik oder in Latein – es ist wirklich kein Problem. Leute, also da gibt’s doch ganz, ganz andere Dinge.“

Und dass es Anton Hofmann mit dem Förderverein ja vor allem um das Leben geht, kann und will er nun auch gar nicht mehr zurückhalten:

„Wir haben jetzt ganz viel über Sterben und Tod gesprochen. Also, was ganz beglückend ist hier auch: Über 80% der Kinder können geheilt werden. Das ist was ganz, ganz Zentrales und diese Tatsache ist unheimlich motivierend.“

Ich schäme mich, als ich nach dem Gespräch zurück zum Parkplatz laufe: Jede Familie, die gerade im Elternhaus des Fördervereins ums Überleben kämpft, würde wahrscheinlich auf der Stelle mit meinen aktuellen Sorgen und Problemen tauschen wollen. Und dann freue ich mich. Weil es einen kleinen Verein und ein Haus in Tübingen gibt, die verstanden haben, dass es nichts bringt, sich zu schämen. Nur anzupacken.

Quelle: www.kirche-im-swr.de

 

Das Interview auf SWR1

Anton Hofmann auf SWR1

Der Vorsitzende des Fördervereins: Anton Hofmann

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