Alltag auf Station in Zeiten von Corona

Wir haben mit Eva Vöhringer, Erzieherin auf Station 14, und mit dem Psychosozialen Dienst (PSD) der Kinderonkologie der Tübinger Kinderklinik über den Alltag auf Station in Zeiten von Corona gesprochen.

Liebe Eva, lieber PSD, wie hat Corona den Alltag auf Station verändert?

Eva: Nun, das fängt schon mit dem Einlass in die Klinik an. Es sind aktuell zwei Zugänge der Kinderklinik offen, die allerdings von Securities bewacht werden. Herein kommt nur Personal, das aktuell dringend benötigt wird. Man muss sich entsprechend dienstlich ausweisen. Von den Eltern unserer Kinder auf Station darf immer nur ein Elternteil gleichzeitig als Begleitperson mit in die Klinik, sonst niemand, d. h. keine Geschwisterkinder, keine Großeltern, keine Besucher. Tauschen mit einer anderen Person darf die Begleitperson nur einmal am Tag, wobei ein Wechsel an sich eher nicht erwünscht ist. Getauscht werden muss direkt bei der Security.

Die Patienten sind immer noch zu zweit auf den Zimmern, allerdings natürlich nur die Patienten, die keine Corona-Infektion haben. Wir hatten zwar Verdachtsfälle, aber die stellten sich als negativ heraus. Sollte eine Corona-Infektion nachgewiesen werden, würde dieser Patient auf eine andere Station verlegt werden. 

Die Elternküche, die sonst ein Ort der Begegnung war, ist nun so gut wie geschlossen. Sie darf nur noch einzeln betreten werden, um sich einen Kaffee zu kochen, den Kühlschrank, die Mikrowelle oder den Backofen zu benutzen. Speisen am Herd dürfen dort nicht mehr zubereitet werden. 
Da auch alle Kioske in der Klinik geschlossen sind und auch das Casino-Konferenzzentrum keine Gäste-Versorgung mehr ermöglicht, versorgt die Klinik nun die Begleitpersonen mit, d. h. die Eltern erhalten ebenfalls Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Das ist auf alle Fälle eine Erleichterung, für die Pflege jedoch eine zusätzliche Belastung. Die Schankanlage darf aus Hygienegründen nur noch durch Personal bedient werden, so dass wir den Kindern und Eltern Wasserflaschen abfüllen müssen.

Das Spielzimmer ist komplett geschlossen. Spielsachen dürfen zwar von mir ausgegeben werden, aber bei der Rückgabe muss ich sie komplett reinigen und desinfizieren. Bücher können deshalb z. B. auch nicht mehr ausgegeben werden, weil diese schlecht zu reinigen sind. 
Ansonsten ist einfach sehr wenig los auf Station. Die Kunsttherapeutin, der Musiktherapeut, die Mentoren und die Clowns dürfen nicht mehr kommen, die Klinikschule findet nur noch per E-Mail-Kontakt statt…

PSD: Wie Eva schon gesagt hat, fallen einfach viele Begegnungsmöglichkeiten weg. Neben der Elternküche war dazu ja auch das einmal wöchentlich stattfindende Kochen auf Station eine ideale Gelegenheit oder der alle 14 Tage stattfindende Elternkaffee mit den Ehrenamtlichen des Fördervereins. Dies alles fällt derzeit weg. Auch die Entspannungsangebote für die Eltern und Patienten dürfen nicht mehr stattfinden. Alle Gruppenangebote, wie z. B. Gruppenmusiktherapie, die Kreativwerkstatt oder das gemeinsame Spielen im Spielzimmer entfallen, weshalb die Kinder in ihren Zimmern nun noch isolierter und damit noch mehr mit ihrer Krankheit konfrontiert sind. Ganz besonders werden auch die Einzelangebote der Musik- und Kunsttherapie vermisst.
Gleichzeitig freuen sich manche Kinder, dass sie jetzt nicht mehr die einzigen sind, die mit Mundschutz herumlaufen. Da fallen die Kinder jetzt deutlich weniger auf. Auch ihre Altersgenossen sind jetzt isoliert…

Welche besonderen Maßnahmen wurden und werden getroffen, um die Kinder und Familien und natürlich auch die Mitarbeiter zu schützen?

Eva: Einer der Hauptpunkte ist, dass die Kontakte minimiert wurden. Wie gesagt: keine Besucher mehr auf Station, nicht mehr Personal als unbedingt notwendig. 
Der Kontakt der Patienten untereinander ist ebenfalls sehr reduziert. Das Zimmer darf eigentlich nur noch zur Mobilisation verlassen werden.
Dann natürlich noch mehr Hygienevorkehrungen als sonst schon. Alle tragen immer Mundschutzmasken und gegebenenfalls Schutzkleidung.

PSD: Das ist auch ein Punkt, der aktuell sehr problematisch ist - das Erhalten von ausreichend Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln. Wir müssen diese auf Station derzeit länger tragen, als wir eigentlich sollten, weil es logistische Probleme mit Nachlieferungen gibt. Die Apotheken sind leer gekauft, in der Kinderklinik und im übrigen Klinikum wurden Schutzkleidung und Desinfektionsmittel geklaut. Ansonsten werden die Behandlungen und Therapien in der Kinderonkologie wie geplant durchgeführt. 
Die Eltern haben insgesamt mehr Gesprächsbedarf, ganz grundsätzlich zur allgemeinen Situation und auch, weil sich allmählich der   Lagerkoller einstellt.
 
Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten bringt das für die Familien und auch für die Mitarbeiter mit?

PSD: Für die Eltern bedeuten diese ganzen aktuellen Entwicklungen und die Maßnahmen noch mehr Sorgen und dadurch noch mehr Ängste. Mehr Sorgen, dass es ein weiteres Problem gibt, um das es sich zu kümmern gilt. Sie hadern auch mehr mit der Situation, in der sie sich befinden. Die Verunsicherung nimmt auch zu, weil fast täglich neue Infos und Verhaltensanweisungen angeordnet werden, die Auswirkungen auf den Alltag der betroffenen Familien haben, hier in der Klinik und auch zu Hause. Trotzdem muss man sagen, dass sowohl die Patienten als auch die Eltern diese Situation wirklich gut meistern und die Atmosphäre auf Station insgesamt ruhig und verständnisvoll ist. Niemand unserer Patienten ist bisher an Corona erkrankt, was natürlich das wichtigste ist!

Eva: Ich würde auch sagen, dass die Anspannung bei allen höher ist, sowohl bei den Eltern als auch bei den Mitarbeitern. Bei den Eltern war bis zur Corona-Pandemie nur ihr eigener Kosmos verdreht, jetzt ist die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Corona bedeutet für sie noch mehr Stress. Gleichzeitig fallen so viele Hilfsangebote weg, die durch Klinik und Förderverein normalerweise ermöglicht werden, was das Ganze doppelt schwer macht.

PSD: Ja, das stimmt. Und für die Familien kommt noch hinzu, dass sie auch Hilfsmöglichkeiten „von daheim“ nicht mehr nutzen können. Die Großeltern können nicht mehr entlastend einspringen, andere Familien/Nachbarn sollen gemieden werden. Die Geschwisterkinder dürfen nicht mehr auf Station. Da müssen erst einmal Ersatzbetreuungsmöglichkeiten gefunden werden.

Eva: Beim Personal muss auch einiges „neu erfunden“ werden. Wir müssen schauen, dass wir Anweisungen, die wir erhalten, konkret auf Station umsetzen. Und zwar möglichst schnell. Und die Anweisungen können sich schonmal stündlich ändern. Dies bedeutet für uns viel Umstrukturierungsarbeit, mehr Hygiene-Aufwand und viel Einzelbetreuung, da die Gruppenangebote nicht mehr stattfinden dürfen. Dies ist ein höherer Aufwand und führt leider dazu, dass wir nicht mehr allen so gerecht werden können, wie wir es gerne würden. Für mich konkret bedeutet es auch, dass ich noch etwas kreativer werden muss im Zimmer der Patienten. Man braucht mehr Ideen in diesem kleinen Raum, während vorher so viel auch außerhalb möglich war, um die Langeweile und Frustration der Patienten aufzufangen.

PSD: Auch die Visiten finden jetzt personell sehr reduziert statt. Informationen laufen jetzt über E-Mails, was wiederum den Informationsfluss erschwert und den Aufwand für die MitarbeitInnen erhöht. Wenn möglich wird versucht, Kontrolltermine zu verschieben, was aber bei den Ärzten auch die Sorge weckt, dass dadurch nicht mehr adäquat reagiert werden kann. Pausen der Pflegekräfte dürfen nur noch mit zwei Personen gleichzeitig gemacht werden, was wiederum den Austausch unter den Kollegen erschwert. Die Gemeinschaft, die gerade jetzt stabilisierend wirken würde, fehlt dadurch 

Wie versucht ihr, trotzdem Alltag und Unterstützung für die Kinder und Familien herzustellen? Es heißt ja so oft, die Not mache erfinderisch…

Eva: Die Clowns bringen uns gerade immer Post für jedes Kind mit Sammelkarten, Rätseln usw. Die Kinder können dann antworten. Unsere Kunsttherapeutin Kathrin hat schon Malbücher an die Kinder geschickt. Dann basteln wir gerade Ostergeschenke, wobei auch da viele unserer Ideen durch die neuen Hygienevorschriften erschwert werden. 
Aktuell versuche ich eine Videokonferenz der Patienten untereinander zu ermöglichen, damit die Verbindung nicht abreißt. Hauptsache ist, irgendwie Spaß und Beschäftigung in die Zimmer zu bringen.

PSD: Alle sind hoch motiviert in dieser Krise, ÄrztInnen, Pflege, unser Chef Prof. Handgretinger ist immer da und ansprechbar, das gesamte Stationsteam und natürlich auch wir. Alle geben sich größte Mühe, um gemeinsam diese schwierige Zeit zu meistern. 

Vielen Dank für die Einblicke, liebe Eva, Dorothee, Thomas, Natasha und Manu.

Eva Vöhringer vor Station 14

Zugang für Besucher gesperrt. Erzieherin Eva Vöhringer vor dem Eingang zu Station 14 der Tübinger Kinderklinik

Das PSD-Team der Kinderonkologie

Der Psychosoziale Dienst der Kinderonkologie (PSD): Natasha Krüger, Manuel Schlösser, Dorothee Mundle und Thomas Bäumer (v. l. n. r.)

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Kommentare (2)

Andrea Bächle sagt:

am 07.04.2020 Auf diesen Kommentar antworten

Hallo an das ganze Team der Station 14,

Letzte Woche saß ich wartend vor der Crona-Klinik auf einer Bank und hab zu euch nach oben geschaut. Ich hab mir versucht auszumalen was diese Situation für euch, die Familien und vor allem für die Patienten bedeutet.
Unter normalen Umständen wäre ich in der Zeit gerne mal wieder bei euch vorbeigekommen.

Ich wünsche allen super Ideen, viel Phantasie und vor allem gute Nerven ihr macht eine super Job und danke das es euch gibt.

Liebe Grüße Andrea Bächle
Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen sagt:

am 07.04.2020 Auf diesen Kommentar antworten

Liebe Frau Bächle,

vielen Dank für die lieben Worte und dass Sie an uns denken! Ich werde die Worte auch an die Mitarbeiter der Klinik weitergeben.

Viele Grüße!
Merle Klose

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